Es war einmal ein junges Mädchen namens Klein-Britta (…oder so. Da streite ich mich jetzt nicht rum). Diese hatte sehr frühzeitig ihre Eltern verloren und überdies war sie eine Waise. Es fiel ihr daher recht schwer, ohne fremde Hilfe den kleinen Hof zu bewirtschaften, der ihr hinterlassen worden war. Denn nachdem die Kirche ihren Zehnten kassiert und die Steuereintreiber des Königs sich ihr Scherflein sicherten, stritten sich schon die Gläubiger um den Rest. So blieb immer gerade genug übrig, dass es eben zum Leben langte. Fast so, als ob jemand es dergestalt eingerichtet hätte.
Eines Jahres, nach einer besonders mageren Ernte, zog sich Klein-Britta ihre Socken an, um sich auf dieselben zu machen. Sie packte ihre Habseligkeiten in ein kleines Bündel, gab den Schlüssel bei den Nachbarn ab – die hoch und heilig versprachen, sich um die Blumen zu kümmern – und zog von dannen. Immer Richtung Westen. Dort hoffte sie nämlich einen Helden zu finden, der sie von all ihrem Leid befreite. Alle grossen Helden, die sie aus den Geschichten kannte, zogen ja bekanntlich nach ihren absolvierten Abenteuern in den Sonnenuntergang. Es sollte also mit dem Teufel zugehen, wenn sich nicht der eine oder andere zum ehelichen finden würde. Begleitet wurde das Mädchen von ihrem treuen Freund. Einem Kater. Ich wünschte, ich könnte berichten, dass es sich um einen zauberfähigen Mietzepeter handelte, der sprechen konnte. Oder wenigstens einen, der Stiefel und eine Weste mit goldener Uhrenkette trug. Er trug allerdings nicht eionmal einen Namen. Es war ein ganz gewöhnlicher zerzauster Strassenkater mit eingerissenem Ohr. Und so begleitete er sie nach Art aller Katzen bis an den Rand des Dorfes, wo er dann links abbog und sich unter den grossen alten Apfelbaum in den Schatten legte und sein Nachmittagsdösen begann.
Als es Dunkel wurde, war unser Mädchen noch mitten in der Pampa unterwegs und sah sich recht bald von einer Meute wilder Gesellen umringt, die sie eindringlich baten, ihr Bündelchen tragen zu dürfen. Leider konnte sie nie feststellen, wohin sie es trugen. Nackt und … halt, falsche Geschichte … Ihrer letzten Reichtümer beraubt, fühlte sich Klein-Britta sonderbar leicht und befreit und begann in aller Ruhe sich die Welt zu betrachten. Hie und da fand sie etwas Arbeit, um sich Unterkunft und Essen zu verdingen. Was genau sie da tat, weiss ich nicht. Auf jeden Fall waren es immer auf einige Tage befristete, nicht meldepflichtige Nebenjobs. So kam sie mit der Zeit im ganzen Land herum. Jedoch sonderbar: Je mehr sie von der Welt sah, desto mehr hatte sie das paradoxe Gefühl, prozentual weniger davon gesehen zu haben – bildlich gesprochen. Und je mehr sie von der Welt mitbekam, desto weniger gefiel sie ihr. Bald wünschte sie, es sich neben ihrem Kater unter dem Apfelbaum gemütlich gemacht zu haben. Aber dieser – also der Baum – musste schon vor einiger Zeit einer neuen Bäckerei weichen – Spezialität: Apfelkuchen nach Art des Hauses. Und der Kater wurde kurz danach von einem betrunkenen Bierkutscher unweit auf der Landstrasse überfahren. Das hätte er sicher überlebt, aber leider fiel er am Strassenrand in eine Ohnmacht und rollte in einen mit Wasser gefüllten Graben. Glücklicherweise schwamm gerade ein Brett vorbei auf welchem er besinnungslos liegenblieb – bis zu der Brücke, von welcher die Kinder mit viereckigen Gehwegplatten runde Kreise auf die Wasseroberfläche zauberten. Eine Welle spülte ihn an Land. Direkt vor die Werkstatt eines Geigenbauers. Bei einer Portion verdorbenen Fisches stellte sich heraus, dass seine restlichen fünf Leben wohl schon verbraucht waren und so erstickte er jämmerlich an einer grossen Gräte. Aber das ist eine andere Geschichte…
Ihre (wir sind übrigens wieder bei Klein-Britta, d. R.) Lebenslust wich einer tiefen Traurigkeit und so beschloss sie, den König ihres Landes zu bitten, etwas gegen all die Schlechtigkeiten zu unternehmen. Dieser galt nämlich bei seinem Volke als weiser und gütiger Mann, weshalb er den Krönungsnamen „Volker der 1.“ trug. Und wer, wenn nicht Volker hätte auch die Macht dazu. Der König hörte sich mehr oder minder geduldig ihre Klagen an, zog wie eine Jalousie quer ein paar Falten über die Stirn und sagte schlussendlich: ‘Pass auf Klein-Britta. Hinter meinem Schloss beginnt ein üppiges Feld. Dahinter eine riesige Wiese und hinter der Wiese ein immens grosser Wald. Durch diese führt ein Weg. Folge ihm und du wirst das Glück wiederfinden.’ Erwartungsvoll machte sich das Mädchen auf. Vorbei an den goldenen Ähren des Feldes und dem Schild ‘Kein offizieller Durchgang! Betreten auf eigene Gefahr! Kein Winterdienst!’ Weiter quer über die saftige grüne Wiese bis zum Wald und hinein in selbigen. Mit der Zeit vergingen die Stunden und die Lichtungen wurden weniger licht. Dunkelheit umfing sie und die Vögel stellten langsam ihr Gepiepe ein, um der Szene etwas mehr Dramatik zu verleihen. Doch Klein-Britta schritt forsch aus, denn sie hatte ja was vor und wollte das Glück finden.
Plötzlich war der Weg zu Ende. Vor ihr erhob sich ein unüberwindlicher Berg und links und rechts war das Dornengestrüpp mittlerweile so dicht, dass sie sich unmöglich einen eigenen Pfad bahnen konnte. ‘Hier muss es sein’ dachte Britta und sah sich um. Doch ausser dem zurückgelegten Weg nebst schon beschriebenem Rest schien nichts weiteres vorhanden zu sein. ‘Das wäre auch zu einfach gewesen’ dachte sie weiter und begann, die Felswand nach verborgenen Mechanismen abzusuchen, tief in die Dornenbüsche zu greifen und zu guter letzt mit den blossen Händen ein Loch zu graben. Währenddessen murmelte sie ‘Es muss hier sein.’
Nach langer Zeit wurde ihr Skelett, welches zu einem Fragezeichen verbogen in einem recht tiefen Loch lag, von einem wackeren Rittersmann entdeckt, der sich auf der Suche nach einem Gegner, vorzugsweise Drachen, verfranst hatte. Tja, wenn der Typ ein paar Jahre eher gekommen wäre, hätte er Klein-Britta wohl recht dufte gefunden, aber so…
Und die Moral von der Geschicht’ les ich dann wohl in den nächsten Tagen in den Kommentaren.
