
Irgendwann einmal trudelt die Einladung zu einem Klassentreffen ins Haus. Vorausgesetzt natürlich, dass man wohnt, in irgendeiner Form irgendeine Schulausbildung genossen und beendet hat, und dass sich jemand auf die undankbare Aufgabe der Organisation einlässt.
Aber wenn es denn der Fall ist, erhält man einen Brief in die Hand (oder heutzutage eher eine eMail auf den Rechner), welcher sinngemäss immer folgenden Text beinhaltet: Vor genau [...] Jahren drückten wir gemeinsam die Schulbank der [...]. Wir haben weder Kosten noch Mühen gescheut, Euch ausfindig zu machen (sicher doch! die Eltern wohnen seit 20 Jahren am selben Ort und genau so lang hat sich die Telefonnummer nicht mehr geändert) und Euch diese Einladung zu schicken. Es wäre schön, zu erfahren, was aus Euch geworden ist. (Interessant ist die Formulierung „was aus Euch…“ und nicht „ob etwas aus Euch…“. Man scheint also automatisch davon auszugehen, dass die, aus denen nichts geworden ist, sowieso absagen. Somit ist ein Klassentreffen eine sehr eindeutige, aber zweischneidige Angelegenheit.) Es folgen die Orts- und Zeitangaben, verbunden mit einer Bitte um Rückmeldung (die fast jeder verträumt, da der Zeitrahmen sich über mindestens ein halbes Jahr erstreckt. Es sollen ja alle die Gelegenheit einer Absage erhalten) und die Androhung einer Verzehrpauschale.
Dann ist es soweit. Als erstes stellt man – chique, wie zu sonst keiner Familienfeier – fest, dass man den Grossteil des Weges zur angemieteten Gaststätte in Begleitung seines ehemaligen Banknachbarn verbrachte, den man aber nur dadurch erkennt, dass er offensichtlich die selbe Lokalität und damit verbundene Feierlichkeit anstrebt. Nach dem dortigen Einsitzen und ersten alkoholischen Lockerungsübungen, verbunden mit der Sortierung der wichtigsten Kurzlebensläufe, folgt der offizielle Teil: Die Vorstellung.
Während meist auf Namensschilder verzichtet wird, sind doch Schilder mit kurzen Fragen oder Stichwörtern sehr beliebt. Ein Erzählgerüst für erwachsene Menschen, die bis dato scheinbar orientierungslos durch den Alltag irrten und lediglich „passieren liessen“. Dabei soll sich schon die eine oder andere Offenbarung ereignet haben – vor allem, wenn er oder sie feststellt, dass es seit der Schulzeit nichts zu erzählen gibt.
Endlose Minuten später bilden sich die Verheiratet / Ledig-Grüppchen. Und während sich die einen über Kindererziehung oder -planung austauschen und betonen, dass sie sich ihr Leben gar nicht anders vorstellen könnten, erzählen die anderen von den letzten Parties und Eroberungen, und dass sie es sich gar nicht anders vorstellen können. Gut unterscheiden kann man diese Gruppen aber an Hand der Benamsung ihrer Mitglieder: In äusserst fester Partnerschaft Lebende reden sich gesittet mit den jeweiligen Vornamen an. Die Restlichen erhalten plötzlich wieder die unangenehmen Spitznamen, die sie in der vierten Klasse verpasst bekamen.
Im Laufe des Abends finden die Parteien wieder zu einander, um sich dieselben alten Geschichten aus der Schulzeit zu erzählen, da man sich ja sonst nicht mehr viel zu sagen hat. Man erklärt sich, dass es eine schöne Zeit war und man sich viel häufiger Treffen könnte, da man ja nicht weit voneinander entfernt lebe. Und selbst wenn! Zum Schluss geht man in dem guten Gefühl nach Hause, sich wieder zehn Jahre um sich selbst kümmern zu können.
Ich überlege noch, ob tatsächlich schon wieder soviel Wasser den Fluss runter ist.
