Gestern war es mal wieder soweit. Das traditionelle Gänsebratenessen stand an.
Manche könnten jetzt sagen, dass es doch ein schön besinnliches, familiäres zusammensein ist.
Möglich ja. Nicht jedoch in diesem Hause.
Angefangen mit aufgesetzer Freundlichkeit und berühmten Luftküsschen links und rechts in noch gebührendem Abstand zu den Wangen (nein, bei meiner Familie handelt es sich ausdrücklich nicht um Adelsgestut, lediglich um Mittelständer die so tun als ob sie was bessres wären), geht es dann über zum gemeinsamen Anstoßen.
“Was Gudula? Du auch Sekt? Sag mal, bist Du nicht noch ein wenig zu klein für Alkohol?”
Leicht ungläubiger Blick meinerseits.
“Keine Angst, lieber Onkel, in Wirklichkeit ists doch bei mir nur Sprudelwasser mit einem klitzeklitzekleinen Spritzer Apfelsaft”
Die Ironie in meinen Worten war dann wohl doch ein wenig zuviel, da ich dananch spürte, wie sich die bösen Blicke in mein Fleisch bohrten.
Nach beendeter Sauferei (ich war so dreißt und habe mir 3 x selbst das Glas wieder aufgefüllt-irgendwie muss man die schnatternde Meute ja ertragen-) wurden wir aufgefordert unsere Plätze einzunehmen.
Jeder setzte sich nach gutdünken, bis unsere überkanidierten Gastgeber auf die glorreiche Idee kamen eine bunte Sitzrunde zu machen.. sprich: Männlein, Weiblein, Männlein, Weiblein usw.
Nach weiteren 10 minuten durfte ich mich darüber freuen einen vorläufig festen Platz mein eigenen nennen zu können.
Bevor das Essen aufgestischt werden konnte, musste jedoch die Tafel noch in allen Ausführungen geknippst werden. Mit, sowohl als auch ohne Besatzung. Sprich: alle wieder auf, *knips knips knips* alle wieder hin.
Dann wurde das Essen hereingebracht. Das der Tisch dem ganzen Zeug stand gehalten hat war ein Wunder; ich erfuhr aber bald, dass dieser noch mit einer extra für den besagten Anlass besorgen 2 mtr. Dia Holzplatte verstärkt wurde…
Nein, mit mehr Kleinigkeiten möchte ich Euch gar nicht behelligen….
Der Nachmittag nahm seinen Lauf… nachdem das Essen verpuzt, der Nachtisch vertilgt und vom noch folgenden Kuchen nur noch Krümel übrig waren hatte mein werter Großonkel noch immer nicht gelernt, dass in meinem Namen kein N drin vorkommt, das ich tatsächlich schon groß genug bin, und ein wenig Wein trinken darf, und dass ich sogar schon selbst aufs Töpfchen kann!
Um meinen Adrinalinhaushalt ein wenig zu beruhigen schlug ich mich ins Wohnzimmer auf die Couch und sah mir die gute alte Feuerzangenbowle an. Wiedererwarten zog sich der Film schrecklich in die Länge und zu meinem großen Bedauern war die Meute erneut damit beschäftigt die 2. Ladung Stollen zu vertilgen. Fehlt nur noch, dass sie auch noch anfangen zu singen, dacht ich mir noch… aber… nein, davon bin ich zum Glück verschont geblieben. Es kam noch schlimmer…
Meine Tante kam ins Wohnzimmer gerannt und legte, freudestrahlend, eine CD Marke Eigenbau in die Anlage, welche sofort bis zum Anschlag aufgedreht wurde, damit es im Esszimmer auch zu hören war.
Um mich herum erdröhnten aufgenblicklich die SA-A-A-NNNFFTE-E-E-E-N Klänge des Weihnachtsoratoriums. Die Frage, ob es zu laut wär, kam gar nicht zu mir durch… wäre es zumindest eine professionelle Aufnahme gewesen hätt ich ja liebend gern mit mir reden lassen, doch der Kirchenchor, in welchem meine werte Frau Mutter mitsamt ihrem Bruder und dessen Frau Mitglied sind, schöpfte alle Kraftreserven auf, die ich noch hatte.
Nicht nur ich, sondern auch mein Bruder und dessen Freundin ergriffen Fluchtartig das Weite, mit der Ausrede ein wenig frische Luft schnappen zu wollen.
Wir Weiber wollten dann, mit bereits zitternden Händen, weil nervlich total am Ende, zur Zigarette greifen, doch verbot mein Bruder uns dies. Die holde Verwandschaft könnte ja etwas erschnuppern, sich vermutlich noch in ihrer Freiheit bedrängt fühlen und überhaupt und sowiso.
Mein Wutpegel stieg.
Wenn nicht bald ein Wunder geschehen sollte, würde ich mich bald entweder erhängen oder zurückgehen und mein freundlichstes Lächeln aufsetzen, und den Menschen dort drin zeigen, wie ausgereift mein Galgenhumor doch mittlerweile war… auch auf Gefahr hin, dass bald keiner von ihnen mehr mit mir sprechen würde…
mooment! Keiner mehr von denen mit mir sprechen?? Guuut.
Damit stand es fest. Strick, leider muss ich dich auf n anderen Termin verlegen.
So brachte ich den Nachmittag noch gut über die Runden, in dem ich mich an die große Tafel saß und mir jeden einzelnen von Ihnen betrachtete. Es war mal wieder sehr amüsant zu sehen, wie wenig sich diese Menschen doch eigentlich leiden können.
Nachdem wir unsere diesjährige, aus der tollen Tradition des Wichtelns bestehende Beschehrung hinter uns gebracht haben, konnten wir uns nunmehr auf den längst ersehnten Heimweg begeben. Mit Dire Straits im Ohr und der frohen Aussicht darauf, das der ganze Spuk bald erstmal wieder ein Ende hat.
Frohe Weihnachten.
PS: braucht jemand ne Perlen-Imitatkette?